Berlin: Tausend Kreuze blockieren am 20.9.2014

Am 20. Sep­tem­ber 2014 soll der „Marsch für das Leben“ des „Bun­des­ver­ban­des für Le­bens­recht“ in Ber­lin statt­fin­den, auch be­kannt als der „Marsch der Tau­send Kreu­ze“. Die Zahl der Teil­neh­men­den christ­li­chen Fun­da­men­ta­list*innen stieg in den letz­ten Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich an. Grün­de sich gegen die­sen Marsch zu stel­len, auf wel­che Art und Weise auch immer, gibt es zahl­rei­che. Der Pro­test gegen den „Marsch für das Leben“ muss ein fe­mi­nis­ti­scher, quee­rer und gegen Ab­leism ge­rich­te­ter Pro­test sein. Er muss aber auch ein stär­ker an­ti­fa­schis­ti­scher Pro­test wer­den.

Am 20. Sep­tem­ber 2014 will der „Bun­des­ver­band Le­bens­recht“ wie­der sei­nen „Marsch für das Leben“ in Ber­lin durch­füh­ren. Die Zahl der Teil­neh­men­den stieg in den letz­ten Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich. Für 2013 spricht die Or­ga­ni­sa­ti­on von 4.​500 Men­schen. Ein Zei­chen dafür, dass der christ­li­che Fun­da­men­ta­lis­mus mehr und mehr an Ein­fluss ge­winnt – und das nicht nur quan­ti­ta­tiv bei De­mons­tra­tio­nen, son­dern mit ge­sell­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen. Das geht auch über die Ne­gie­rung re­pro­duk­ti­ver Rech­te hin­aus. Doch blei­ben wir zu­nächst beim Thema des Mar­sches.

Ein Bei­spiel für den Ein­fluss des christ­li­chen Fun­da­men­ta­lis­mus’ ist der § 219 zur „Be­ra­tung der Schwan­ge­ren in einer Not- und Kon­flikt­la­ge“ aus dem Straf­ge­setz­buch, der durch Vo­ka­bu­lar und die Ideo­lo­gie schon fast für sich selbst spricht: „Die Be­ra­tung dient dem Schutz des un­ge­bo­re­nen Le­bens. […] Dabei muss der Frau be­wusst sein, dass das Un­ge­bo­re­ne in jedem Sta­di­um der Schwan­ger­schaft auch ihr ge­gen­über ein ei­ge­nes Recht auf Leben hat[…]“

Hier wird Frau­en* nicht nur in einer pa­ter­na­lis­ti­schen Weise eine ei­gen­stän­di­ge Ent­schei­dungs­fin­dung über ihren Kör­per ab­ge­spro­chen. Sie* wird zu einem Gefäß für das „un­ge­bo­re­ne Leben“; ihr* ei­ge­nes Recht auf ein selbst­be­stimm­tes Leben als In­di­vi­du­um tritt dabei völ­lig in den Hin­ter­grund. Sie* soll ein Opfer brin­gen.
Das Ver­spre­chen von Frei­heit, Gleich­heit und Selbst­be­stim­mung im Ka­pi­ta­lis­mus ist Teil der Zu­rich­tung des bür­ger­li­chen Sub­jekts. Das In­di­vi­du­um ist in der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­sell­schaft in­ter­na­li­sier­ten und äu­ßer­li­chen Zwän­gen un­ter­wor­fen, die des­sen Frei­heit be­stän­dig in Frage stel­len. In Kon­kur­renz und Exis­tenz­angst muss das iso­lier­te In­di­vi­du­um um sein Über­le­ben kämp­fen. Doch im­mer­hin gibt es die­ses Ver­spre­chen der Selbst­be­stim­mung.. Einer schwan­ge­ren Frau* ist die­ses Recht auf Selbst­be­stim­mung ent­zo­gen. Die Ge­sell­schaft greift mit Ein­tritt der Schwan­ger­schaft auf ihren* Kör­per zu. Seien es be­vor­mun­den­de Ärtzt*innen, un­be­kann­te Men­schen, die plötz­lich den Bauch an­fas­sen, Wer­be­kam­pa­gnen gegen Al­ko­hol­ge­nuss wäh­rend der Schwan­ger­schaft oder Freund*innen, die plötz­lich die ge­schnorr­te Zi­ga­ret­te und den Kaf­fee am Mor­gen ver­weh­ren.
Der Kampf um re­pro­duk­ti­ve Rech­te und Selbst­be­stim­mung über den ei­ge­nen Kör­per ist bis heute not­wen­dig. Mit dem stär­ker wer­den­den Ein­fluss des christ­li­chen Fun­da­men­ta­lis­mus ist er wich­ti­ger denn je. Schwan­ger­schafts­ab­brü­che sind in Deutsch­land immer noch il­le­gal und nur in Aus­nah­me­fäl­len (In­di­ka­tio­nen) durch­führ­bar. An die­sen Aus­nah­men wird in den letz­ten Jah­ren mehr und mehr her­um­ge­schraubt. Es gibt hohe dro­hen­de Buß­gel­der für Ärtzt*innen und Be­ra­tungs­pflicht für Frau­en*. Zudem kön­nen Ärzt*innen sowie Pfle­ge­kräf­te die Mit­wir­kung an einem Ab­bruch ver­wei­gern. In be­son­ders re­li­gi­ös ge­präg­ten Land­stri­chen kann ein ge­woll­ter Ab­bruch damit fast un­mög­lich wer­den. Von der Re­zept­pflicht für die „Pille da­nach“ und Kran­ken­häu­sern, die diese Pille ver­wei­gern, haben wir dabei noch gar nicht ge­spro­chen.
Die stär­ker wer­den­de Wirk­mäch­tig­keit des christ­li­chen Fun­da­men­ta­lis­mus beim Thema Schwan­ger­schafts­ab­bruch be­dient sich auch stra­te­gi­scher Ar­gu­men­ta­ti­on. Sonst nicht son­der­lich men­schen­freund­lich set­zen die Fun­dis beim „Marsch für das Leben“ auf die Ab­leh­nung der so­ge­nann­ten Prä­na­tal­dia­gnos­tik (PND), also Un­ter­su­chun­gen an Em­bryo oder Fötus im Bauch der Schwan­ge­ren, z.B. durch Ul­tra­schall. Der „Bun­des­ver­band Le­bens­recht“ spricht von „Eu­tha­na­sie“ und kann sich damit als Kämp­fer für die Rech­te von Men­schen mit Be­hin­de­rung dar­stel­len. Die PND er­mög­licht Ab­trei­bun­gen mit me­di­zi­ni­scher In­di­ka­ti­on bspw. auf­grund von Spina bi­fi­da („Wir­bel­spalt“) oder Tri­so­mie 21 und kann somit zu se­lek­ti­ven Ab­trei­bun­gen füh­ren. Das ist kri­tisch zu be­trach­ten. Al­ler­dings ist vor allem die be­ste­hen­de Ge­sell­schaft ist zu kri­ti­sie­ren, da Kör­per nor­miert wer­den und die Um­welt vol­ler Bar­rie­ren ist, aber auch weil Re­pro­duk­ti­ons­ar­beit se­xis­tisch und ras­sis­tisch or­ga­ni­siert ist. Den christ­li­chen Fun­da­men­ta­list*innen geht es dabei aber gleich­zei­tig um eine Ne­gie­rung des Selbst­be­stim­mungs­rechts der schwan­ge­ren Frau* in allen Be­lan­gen. Sie* ist und bleibt le­dig­lich das „Gefäß“ für das neue Leben.
Und die­ses neue Leben hat sich nach be­stimm­ten Re­geln ab­zu­spie­len. Die Men­schen­freund­lich­keit des christ­li­chen Fun­da­men­ta­lis­mus zeigt sich da von ihrer an­de­ren Seite. He­te­ro­se­xu­el­le Ehe und Fa­mi­lie sind die „Werte“ um die es hier geht. Ent­spricht der Le­bens­ent­wurf nicht die­sen Wer­ten, wird es ge­walt­voll. Da ist Ho­mo­se­xua­li­tät ein „De­fekt“ oder eine Tran­s­iden­ti­tät ein „Iden­ti­täts­pro­blem“, das sich „hei­len“ lässt. Wir haben es hier mit fun­da­menat­lis­ti­schen und rechts­kon­ser­va­ti­ven Ideo­lo­gi­en zu tun.
Das hat auch eine in­ter­na­tio­na­le Di­men­si­on. Nicht nur fin­den die „Mär­sche für das Leben“ auf der gan­zen Welt statt. In ver­schie­de­nen The­men­fel­dern ver­dich­ten sich an­ti-​eman­zi­pa­to­ri­sche Be­we­gun­gen. Bernd Lucke, Par­tei­vor­sit­zen­der der AfD, be­ton­te im In­ter­view mit der „Jun­gen Frei­heit“, dass er die Be­deu­tung von Ehe, Fa­mi­lie und Kin­der immer un­ter­strei­chen will. Volker Kau­der schick­te 2013 im Namen der CDU/CSU-​Frak­ti­on Grüße an den Marsch. Bea­trix von Storch ist AfD-​Ab­ge­ord­ne­te im eu­ro­päi­schen Par­la­ment und war schon 2013 beim „Marsch für das Leben“ in Ber­lin dabei. Die er­neu­te Il­le­ga­li­sie­rung von Ab­trei­bun­gen in Spa­ni­en durch die kon­ser­va­ti­ve Part­i­do Po­pu­lar zu Be­ginn die­ses Jah­res war auch hier in den Me­di­en. Auch die us-​ame­ri­ka­ni­sche Tea-​Par­ty-​Be­we­gung hat eine ganz klare „pro life“ und ho­mo­pho­be Aus­rich­tung. Christ­li­cher Fun­da­men­ta­lis­mus und Rechts­kon­ser­va­ti­vis­mus bis -​po­pu­lis­mus auf eu­ro­päi­scher und ame­ri­ka­ni­scher Ebene gehen Hand in Hand.
Der Pro­test gegen den „Marsch für das Leben“ muss ein fe­mi­nis­ti­scher, quee­rer und gegen Ab­leism ge­rich­te­ter Pro­test sein. Er muss aber auch ein stär­ker an­ti­fa­schis­ti­scher Pro­test wer­den. Die Er­fah­run­gen der letz­ten Jah­ren zei­gen: Die Fun­da­men­ta­list*innen werde immer mehr, die Ge­gen­pro­tes­te sind schwach. „Lus­tig“ sind diese Fun­di­mär­sche schon längst nicht mehr. Auch an­ti­fa­schis­ti­sche und an­ti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Grup­pen müs­sen diese an­ti­eman­zi­pa­to­ri­sche Be­we­gung ernst neh­men, ihre ge­sell­schaft­li­chen He­ge­no­mie­be­stre­bun­gen sehen und gegen sie pro­tes­tie­ren.

Des­halb rufen wir zu De­mons­tra­ti­on und Blo­cka­de am 20. Sep­tem­ber 2014 auf. Kommt um 11.​30 zum Treff­punkt am U-​Bahn­hof Koch­stra­ße.

Gegen christ­li­chen Fun­da­men­ta­lis­mus! Gegen An­ti­fe­mi­nis­mus, Ho­mo­pho­bie, Trans­pho­bie und Ab­leism! Für ein Recht auf Ab­trei­bung.

An­de­re Zu­stän­de er­mög­li­chen – AZE Ber­lin

Mehr Infos: aze.​blogsport.​eu

Quel­le: linksunten.​org, Tau­send Kreu­ze blo­ckie­ren am 20.​9.​2014

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